Ethnologische Beschreibung

Der königliche Landgerichtsbezirk Regen von 1860


Vergnügungen, Feste, besondere Gewohnheiten

»Der Waldler liebt die Tanzmusik. Sie fehlt nicht bei Hochzeiten und Kirchweihen, die ziemlich lärmend gehalten werden. Auch die Sontagstanzmusiken wären dem jungen Volke nicht zu häufig, wenn sie nur öfter stattfinden dürften.
An abgeschaften Feiertagen wird noch immer nicht viel gearbeitet. Man benützt sie höchstens zu kleinen häuslichen Arbeiten, zur Ausbeßerung von holzernen Werkzeugen etc.
Nach Begräbnißen ist der Leichentrunk üblich, welcher auf Kosten der Hinterlaßenen oder Erben gehalten wird. Er ist jedoch maßig und wird die Grenze der Bescheidenheit dabei nicht überschritten.
Auch die Leichenwachen sind hier im Brauche und sind zahlreich besucht. Man betet und unterhält sich dabei abwechslungsweise und wird mit Bier, Branntwein und Brod begangen.
Bald nach dem zweiten Aufgebote beginnt der Rundzug der Hochzeitslader, in der Weite beginnend und immer näher heimwärts kommend, bestehend aus dem Hochzeiter und Hochzeitlader; letzterer meist ein Schneider öfter zugleich auch Musikant. An den Hüten haben sie Rosmarinsträuße und Blumenbüsche, am linken Arme Kränze von künstlichen Blumen; Der Hochzeitlader trägt den Hochzeitladstock mit vielen, bunten, seidenen Bändern. Vor allem werden die nächsten Verwandten geladen; wobei auch der Brautvater mitgeht, dann die entfernten Verwandten oder Bekannten.
Die Hochzeitsfeierlichkeiten und Gebräuche bestehen in dem Kirchenzug mit Musik, der kirchlichen Trauung, dem Zuge ins Wirtshaus, dem Hochzeitsmahle und dem Schenken. Das Mahl ist sehr reichhaltig und werden große Massen von Speisen besonders Fleischspeisen aufgetragen. Jeder Eingeladene hat einen Nachgeher meist von seiner Familie, welcher hinter ihm steht und ihm essen hilft, wodurch die Zahl der Hochzeitsgäste aufs Doppelte steigt. Was von den Speisen übrig bleibt, packt der Nachgeher zusammen und trägt es als "Bescheid" nach Hause. Um den Betrag des im Voraus bekannt gegebenen Mahlgeldes bekommen die Gäste auch eine bestimmte Quantitaet Bier frei. Zu diesem Zwecke hängt an jedem Tische von der Zimmerdecke herab eine Tafel mit einer Anzahl von Strichen, von denen jeder eine freie Maaß bezeichnet. So oft eingeschenkt wird löscht der Wirth einen Strich aus. Sind alle gelöscht so ist der Hochzeiter hie und da so freigebig, noch eine Anzahl Striche nachzuthun. Abends um ungefähr 9 Uhr beginnt das Schenken. An einem besonderen Tische sitzt Braut und Bräutigam, dann der Ehrenvater und die Ehrenmutter oder sonst die nächsten Verwandten. Unter herkömmlichen sehr höflich gehaltenen Spruche macht der Hochzeitslader in strengster Ordnung nach den Verwandtschaftsgraden den Aufruf, unter Tuschbegleitung der Musick. Der Aufgerufene geht vor an den Tisch, trinkt von den Gläsern der Hochzeitsleute und legt über das Mahlgeld noch ein seinen Vermögensumständen entsprechendes Geldgeschenk auf den Tisch nieder. Ist er besonders witzig oder aufgelegt, so macht ein wohlhabender Bauer mitunter auch den Spaß anfangs eine Hand voll Kupfer oder kleines Silbergeld auf den Tisch zu legen und sich zu entfernen; kehrt dann aber um, greift in sich in die Tasche und wirft eine breite Hand voll blanker Thaler als Geschenk auf den Tisch.
Besondere Feste sind nicht außer den kirchlichen, welche auch kirchlich strenge gefeiert werden.
Das männliche Geschlecht schiebt im Sommer gerne Kegel und in jedem Dorfe ist zu diesem Besuche eine provisorische Kegelbahn errichtet.

Vergnügliches Beisammensitzen
Der Ausschnitt aus dem Bild von Lorenzo Quaglio zeigt Landleute beim vergnüglichen Beisammensitzen.
(Quelle: Staatliche Graphische Sammlung München, 1853)

Noch mehr Vergnügen macht das Eisschießen im Winter. Die Bauern und deren Knechte brauchen hiezu aber keine Eisbahnen, sondern sie haben sich auf den Straßen solche Bahnen errichtet, welche Schneebahnen heißen, da nicht auf dem Eise, sondern auf glattgedrückten Schnee mit unbeschlagenen hölzernen Eisstecken geschoßen wird.
Von den Bräuchen verdient noch Erwähnung die "Rockenstuben" oder "Heimgarten" auch "Rockenreisen" genannt. Die Mädchen eines Dorfes, welche zur Winterszeit mit Spinnen beschäftigt sind, gehen Abends in die "Rocken" zusammen, alle Tage zu einem andern Bauern des Dorfes, auf Einladung oft Stund weit. Sie spinnen zusammen bis Nachts ungefähr 10 Uhr im fröhlichen Kreise um die helle Fackel eines Buchen- oder Birkenspanes, und erzählen sich Märchen, Lebensgeschichten von Heiligen usw. und gehen endlich unter allseitig "gute Nacht" zur Ruhe nach Hause.
In seiner Behausung ist der Waldler bei vorkommender Gelegenheit auch gastfreundlich. Kommt Jemand in Geschäften oder sonst wie zu ihm, so wird ein Leib weißen Hausbrodes gebracht und dem Fremden gereicht.
Man hält es für schicklich, daß sich dieser nur wenig davon nimmt, dagegen schneidet dann der Bauer oder die Bäuerin ein großes Stück ab, welches dem Gaste zum Mitnehmen gereicht wird. Im Sommer wird auch Milch aufgesetzt.«

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Quelle u. a. "Staatsbibliothek München"